Social Media - nicht für jeden

Wer´s braucht und wer besser die Finger davon lässt.

©Joachim S. MüllerSocial Media, wirklich ein Must have?Pundits halten Ausschau nach dem nächsten
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Gruppe 1

Selbständige, Medienleute, Berater, Netzarbeiter

SM ist das optimale Biotop für alle selbständigen Netzarbeiter. Meinungsstarke Menschen, die im und mit dem Netz leben. Leute, die die nötigen Überlebenstechniken entwickelt haben, um mit der Info-Flut klarzukommen. Normale Menschen können gar nicht so schnell klicken, scannen, bewerten, filtern, sortieren und bookmarken wie unsereins das kann; oder Tom Cruise in Minority Report. Ich meine die Szene, in der er sich in diesem Höllentempo durch die Screens wischt.

Gruppe 2

Angestellte

Wer in anhängiger Position arbeitet, lässt die Hände von Social Media oder besteht zumindest auf einer glasklaren SM-Policy. Wer in klassischen Berufen und Strukturen Karriere machen will, der macht am besten einen Riesenbogen um dieses Zeug. SM ist Karrieregift. Warum?

Zwei Gründe möchte ich anführen:

Der erste Grund

Aktuell kommt die Generation der Vierziger an die Macht. Das sind Leute wie Andreas Paulus, Jahrgang 1968, der als neuer Richter ans Bundesverfassungsgericht berufen wird oder Andreas Voßkuhle, der mit 46 Präsident des Bundesverfassungsgerichts wird.

Auch in den Betrieben sind die in den 60ger-Jahren des letzten Jahrhunderts Geborenen auf dem Vormarsch. Postbankchef Wolfgang Klein beispielsweise ist Jahrgang 1964.

Diese Leute sind traditionell erzogene Internetausdrucker und haben die Karrieretipps eines Heiko Mell verinnerlicht.

Es gilt: Wie der Herr, so´s Gescherr. Die Chefs setzten die kulturellen Maßstäbe in einer Firma. Wer in einem sozialen Gefüge respektiert werden will, orientiert sich an den Alphas.

Der zweite Grund

Dazu kommt: Wir leben in disruptiven Zeiten, die Menschen sind verunsichert, es ist nicht klar, wo vorne und wo hinten ist, was morgen noch Bestand hat und auf was man sich noch verlassen. Anders kann ich mir das Ergebnis der Emnid-Studie nicht erklären:

Ist für Arbeit, Sicherheit und Solidarität gesorgt, dann könnten sich laut einer Umfrage bis zu 80 Prozent der Bundesbürger mit der marxistischen Staatsform anfreunden.

Hauptsache satt und sauber, alles weitere wird sich finden. So spricht eine zutiefst verschreckte und verschüchterte Gesellschaft.

Fazit

Unsicherheit plus Unverständnis, das gibt eine explosive Gemengelage. Zwar beißen den letzten die Hunde, aber die ersten sind das Kanonenfutter

Haupt-, wenn nicht die einzige Aufgabe eines jeden Angestellten ist es seinen Chef, seine Chefin zufrieden zu stellen.

Es spricht der Praktiker:

Es geht um Entlassungen wegen fehlender oder zu geringer Zufriedenheit des Vorgesetzten. Und das darf einem Mitarbeiter niemals geschehen, es ist - egal auf welcher Ebene - der "größte anzunehmende Unfall" in der beruflichen Laufbahn überhaupt!

Das bedeutet, der Blick des Angestellten hat nach innen zu gehen, nicht nach außen. Social Media ist aber die genaue Umkehrung dieses Prinzips: Ungefilterte Öffnung nach außen.

Für den klugen Angestellten gilt da das Prinzip der sieben Schwaben: „Hannemann, geh du voran!“

Soll doch ein anderer die Kastanien aus dem Feuer holen.

Große Institutionen und auch die Gesellschaft ändern sich über Dekaden.

Der Farbverlauf mag das verdeutlichen.

Farbverlauf

Aktuell sind die Blauen an der Macht. Die Internetszene ist schon voll im roten Bereich. Die Mittvierziger sind immer noch sehr blau (sonst würde die Vorgängergeneration sie nicht einstellen), bringen aber schon eine Kleinigkeit rot mit.

In 10 Jahren kommen die heute 30-jähringen ans Ruder. Da ihre Vorgänger-Generation selbst bereits einen kleinen Rotanteil hat, toleriert sie einen höheren Rotanteil bei ihrer Nachfolgergeneration und so verschieben sich die Akzente über die Jahrzehnte von blau nach rot.

Die heutige Firmenkultur verträgt sich nicht mit Social Media. Wenn man sich die ganzen Stars der Szene ansieht, egal ob Gary Vaynerchuk (noch jemand ohne Wein?), Jeff "Googleman" Jarvis oder auch Tony Hsieh, der twitternde Schuhverkäufer: Alles Selbständige, die sich ihre Regeln selber machen und keine PR-Gestapo im Nacken haben.

Schönes Gegenbeispiel: Das GEZ-Forum-Desaster

Wenn man sich die Führungsebene der GEZ ansieht wird klar: Alles gestandene Verwaltungsjuristen und Technokraten. Es gibt einen Geschäftsführer, einen Verwaltungsrat und einen Fachbeirat. Alles sorgfältig paritätisch besetzt und dann festgezurrt. Wo ist da noch Platz für Unvorhergesehens? Kein Wunder, dass die Forenmitarbeiter den Dialog strikt verweigern und vorgefertigte Statements als Antwort geben. Alles andere wäre ihr Tod.

Gruppe 3

Bleiben die Spammer. Die will keiner, aber sie machen den Großteil des Traffics aus. Wie immer. Aber ich hoffe, dass sich dieses Thema im Social Media von selbst erledigt. Social Media sind persönliche Empfehlungen und niemand wird einen Lästling empfehlen. Also wird das Geplärre hoffentlich ungehört verhallen. Möge die Twitterwall zur Klagemauer der Spammer werden.

Nachtrag

18.3.2010 Greenpeace vs. Nestle - soviel zu meiner These: Die aktuelle Firmenkultur ist nicht kompatibel mit Social Media.

19.3.2010 Aktuelle Studie der Initiative D21

35 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören zur Gruppe der "Digitalen Außenseiter", 30 Prozent zu den "Gelegenheitsnutzern". Lediglich 26 Prozent sind in der digitalen Alltagswelt angekommen.

Für mich bedeutet das: E-Mail ist in der breiten Bevölkerung angekommen und sonst nix. Digitales Medium heißt für die Masse der Deutschen weiterhin: Fernsehen in HD.

 

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