Einmal Meconomy für alle?
Lieber nicht, dieser Lebensstil sollte exklusiv bleiben.
©Joachim S. Müller
Selbstbestimmt und frei wie ein Adler
Nur wer selbstbestimmt arbeitet, ist mit sich im Reinen
so Markus Albers (Autor von Mecomomy) im Interview mit dem Medium Magazin.
Meconomy ist eine feine Sache. Aber nur für ein paar happy few. Wenn dieser Brand-Eins-Lebensstil zum Massenphänomen wird, haben wir ein Problem.
Kleines Beispiel: Es ist jetzt 20:08 Uhr und ich blogge hier selbstbestimmt vor mich hin. Wenn ich jetzt bei der Arbeit an diesem Artikel beschließe, vielleicht doch noch geschwind das Buch "Die Perfektionierer" von Klaus Werle zu erwerben, dann bestimme ich selbst: BOL oder Amazon und ordere.
Und nun ist Schluß mit der Selbstbestimmung. Ich will mein Buch. Also muß sich ein Trucker auf den Bock schwingen und sich durch sämtliche Baustellen der A7 wühlen, um das Buch von Bad Hersfeld nach München zu bringen. Und auch unser Briefträger hat seinen klar vorgegebenen Tourenplan.
Markus Albers zitiert Gary Vaynerchuk mit den Worten
Wenn man heutzutage auch nur zu fünf Prozent mit dem unzufrieden ist, was man tut, soll man sofort damit aufhören und stattdessen etwas machen, woran das Herz hängt.
Ganz ehrlich: Das muß nicht sein. Jedenfalls nicht für jeden. Wenn ich mir hier meinen Kaffee braue, möchte ich den Hahn aufdrehen und "Wasser marsch". Wenn ich dann den Kaffee wieder losgeworden bin, erwarte ich auch auf dem Klo Ha-zwei-O.
Rein selbstbestimmt kommt das Wasser nicht durch die Rohre, also Schichtdienst im Wasserwerk!
Nur weil es viele Menschen in Deutschland gibt, die in fremdbestimmt arbeiten, können Menschen wie Markus Albers Ihren Lebensstil verwirklichen.
Das ist ja nichts grundsätzlich Schlechtes. Es steht jedem frei ein Glück zu schmieden und neue Dinge auszuprobieren.
Ich bezweifle nur, daß diese Lebensentwürfe als Massenphänomen taugen. Es gibt einfach genug Jobs, die getan werden müssen, weil sonst die Infrastruktur zusammenbricht.
Bezeichnend finde ich das folgende Zitat von der Meconomy-Site
Wir machen unsere Hobbys zum Beruf und verlegen unseren Lebensmittelpunkt dorthin, wo wir am glücklichsten und produktivsten sind. Wir müssen uns als Marke positionieren, ständig dazulernen und Dinge, die wir nicht gern tun, an Dienstleister in fernen Ländern auslagern.
Hobby zum Beruf
Hm, laut B.Z. die 10 beliebtesten Hobbys der Deutschen. Hier die Plätze 1 bis 3: Kochen 78 %, Theater, Oper 57 %, Aerobic, Yoga 52 %.
Drohen uns jetzt noch mehr Kochshows, wenn all´ die Hobbyisten jetzt kommerziell werden?
Das Theater war ja schon immer als brotlose Kunst verschrieen und Aerobic... OK, Jane Fonda ist echt alt geworden, aber ich glaube es reicht, wenn wir Jane 1:1 ersetzen. Ob der Markt eine 1:n-Ersetzung verkraftet, wage ich zu bezweifeln.
Frei swingender Lebensmittelpunkt
Single-Gewäsch! Schon mal mit Kindern umgezogen? Ich sage nur "Kultusdinge sind Ländersache". Soviel zur Kompatibilität der einzelnen Schulen unterschiedlicher Bundesländer. Eher läuft Windows auf´m Mac, als das man seine Kinder reibungslos von NRW nach Hessen verpflanzt. Von Berlin nach Bayern wollen wir mal gar nicht reden.
Zur Marke werden
Ist das nicht ein bßchen dick aufgetragen? Reicht doch, wenn die Kassiererin mich freundlich anlächelt und der Busfahrer die Tür erst zumacht, nachdem ich eingestiegen bin. Für die meisten Arbeiten muß man nicht zur Marke werden. Ein gewisse Grundhöflichkeit reicht vollkommen aus.
Ausländer die blöde Arbeit machen lassen
Warum nicht. Aber was ist, wenn die Ausländer in den fernen Ländern keine Lust mehr haben auf blöde Aufgaben und den Kram ihrerseits an Leute aus noch ferneren Ländern delegieren? Und wenn die dann auch keinen Bock mehr haben... Und die, die dann kommen auch gut im Delegieren sind? Der Äquator ist ein Kreis. Landen die blöden Aufgaben dann doch wieder vor unserer Tür?
Ich bleibe dabei: Die Meconomy ist ein privilegierter Lebensstil und stört nicht weiter, wenn sie sich in Grenzen hält. Aber wenn alle Meconomisten werden, hat Deutschland ein Problem. Wer erledigt dann noch die Arbeiten, die erledigt werden müssen? Die Regale im REWE füllen sich nicht von selbst. Wir brauchen die Regalauffüller und sie verdienen unseren Respekt.
Tim sagt:
(29.4.2010 - 7:44 Uhr)
Schöner Artikel und interessante Punkte, über die man in der Tat nachdenken muss. Ich bin der Überzeugung, dass allein das Phänomen, “Büroarbeit” von überall erledigen und von dem ganzen Rest eine Menge outsourcen zu können zwangsläufig zum Ergebnis haben wird, dass sich diejenigen, deren Arbeit dazu kompatibel ist, sich auch zu einem großen Teil dessen bedienen werden.
Massenphänomen? Tja, ist es erst ein Massenphänomen, wenn es 100% aller Leute so machen oder reicht schon ein kleinerer Teil? Klar: “Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder machen würde?” ist eine berechtigte Frage, die sich aber im Grunde auf alles anwenden lässt. Es ist auch ein Massenphänomen, dass im Sommer Leute an den Ballermann fliegen, aber deshalb tun es ja noch lang nicht alle und in der Tat: Dann hätten wir auch damit ein Problem.
Für wen diese Arbeitsweise Sinn ergeben kann, sind m.E. am ehesten Entrepreneure, die einen Plan haben und nun endlich die Möglichkeit erhalten, diesen Plan umzusetzen und dabei auf ein immer dichter werdendes Netz an professionellen Dienstleistern und Assistenten jedweder Form zurückgreifen zu können.
Und das gilt auch für die Assistenten in Indien: Wenn die mal keine Lust mehr auf die Fremdbestimmung haben, können sie es auch selbstbestimmt versuchen. Sie werden damit Erfolg haben, wenn die Arbeit, die erledigt werden soll, auch erledigt wird, wenn sozusagen “das Wasser fließt, wenn es fließen soll”, um in deinem Bild zu bleiben. Und dann ist es auch sicher hilfreich, wenn sie “eine Marke” sind.
Deswegen muss aber nicht jeder das so machen. Es ist ja auch eine Form von Selbstbestimmung, zu sagen: Ich will meinen Job von 9 bis 5 machen und danach bitte in Ruhe gelassen werden.
Und wenn man das weiß, ist man sicherlich auch mit sich im Reinen. Von den kleinen Nervern des Alltags mal abgesehen
Moritz sagt:
(29.4.2010 - 8:18 Uhr)
Interessante und wichtige Gegenposition, die wir in unser Euphorie um “die schöne neue Welt” gerne mal vergessen. Danke fürs Zurückholen in den Hinterkopf.
TBC sagt:
(29.4.2010 - 11:42 Uhr)
Die Meinung gefällt mir - als bekennenden Fan der Meconomy.
Johannes Kleske sagt:
(29.4.2010 - 11:47 Uhr)
Markus weist mehrmals im Buch explizit drauf hin, dass die Meconomy nicht für jeden gedacht ist. So wie auch sonst praktisch nichts. Markus hat aber in seinen Büchern und vielen Magazinartikeln schon zahlreiche Beispiele von Personen aufgeführt, für die es funktioniert hat. Und das waren bei weitem nicht immer alles Berliner Freischaffende und Singles, im Gegenteil.
Meine Gegenthese: Wer mit “Das funktioniert aber nicht für jeden.” argumentiert, sucht eine Ausrede, nicht den eigenen Hintern hochbekommen zu müssen
Moritz sagt:
(29.4.2010 - 19:08 Uhr)
Was mich persönlich noch interessieren würde, ist ob du ausschließlich die verlinkten Artikel oder das ganze Buch gelesen hast ?
drikkes sagt:
(30.4.2010 - 14:14 Uhr)
Ich sehe das prinzipiell genauso,
aber man sollte schon sehen, daß wir hier noch ziemlich am Anfang einer
Entwicklung stehen, deren Ende kaum abzuschätzen ist.
Die Automation nimmt immer mehr zu: Wo vor vierzig Jahren noch Dutzende
Arbeiter geschuftet haben, um ein Wasserwerk am Laufen zu halten, da
bedienen heutzutage zwei Angestellte eine Menge Knöpfchen und Regler. Und
das gilt für immer mehr Bereiche. Der technische Fortschritt wird
irgendwie auch für den absehbaren Ressourcenmangel einen Ausweg finden.
Auf der anderen Seite: Gerade das Internet schustert uns auch eine Menge
Aufgaben zu, die wir eigentlich schon zu unserer Bequemlichkeit längst
outgesourct zu haben glaubten. Wer hat denn heute noch wirklich eine
Sekretärin? Wir beantworten unsere Mails selbst. Wir schlagen uns mit
Druckern rum. Und statt wie früher kurz im Reisebüro unseres Vertrauens
anzurufen, um eine Reise zu buchen, da sind wir stundenlang auf
irgendwelchen Billigflugportalen unterwegs, um auch noch die letzten paar
Euro zu sparen.
Schon richtig, es gibt Jobs, die jenseits aller Neigungen einfach getan
werden müssen. Aber ihre Zahl schwindet, keine Frage. Die Meconomy taugt
sicher nicht zum Massenphänomen, aber sie ist beileibe kein Einzelfall.
Und was sagen Sie?