Eine Welt ohne Qualitätsmedien
Eingekeilt zwischen Skylla und Charybdis, das ist Journalismus heute.
©Joachim S. Müller
Dunkele Perspektiven für den Journalismus
Raubbau am Journalismus beklagt Tageszeitungsredakteur, der nach 20 Jahren gekündigt wurde im Interview mit dem bayerischen Politmagazins Kontrovers
Hubert Denk, Herausgeber des Bürgerblick Passau beklagt:
Pressefreiheit kann nicht funktionieren, wenn marktwirtschaftliche Interessen bis in die Redaktionen hinein wirken.
Frank Patalog von Spiegel Online verteidigt Online-Werbung. Er findet, dass Werbung wichtig ist für´s Web.
Nichtklicker und Adblocker sind für ihn vaterlandslose Gesellen, die ihren Teil des Deals "Freie Inhalte gegen Werbung" nicht einhalten.
Die Reaktion: Im Forum tobt die Diskussion:
Haben SPON-Leser die Verpflichtung auf Ads zu klicken oder müssen Augsteins Erben selber sehen wo sie bleiben? Die SPON-Gemeinde haut sich in über 420 Beiträgen die Argumente um die Ohren.
Ein Gedankenexperiment
Deutschland ist qualitätsmedienfrei.
Im Fernsehen steht das T in TV für Trash. Perlen wie "Deutschland sucht das Supermodel", "Hund sucht Baum" und die "Zillertaler Jodelhosen"laufen zur Primetime. Einzig Arte versucht mit der 385 Wiederholung von Fritz Langs Metropolis gegenzuhalten.
Das Radio ist computeroptimierter Dudelfunk. Fade Hitsoße abgeschmeckt mit hysterischen Jingles und Moderatoren, die so extrem mega-gut drauf sind, das man sich fragt: Wie viele Näschen waren denn das?
Im Print haben sich sämtliche Tageszeitungen in Nichts aufgelöst und auch die anspruchsvollen Wochenpublikationen haben das ZEITliche gesegnet. Nischige Fachpublikationen (ich sage nur Rute und Rolle und die krassen Brassen.) und Zahnarztmagazine wie Bunte oder Instyle haben überlebt.
Im Internet: Texte und Bilder sind zu 100% PR. Mangels Businessmodell haben die Agenturen alle Viere von sich gestreckt. Windige SEOs haben mit Ihren Koof-mich-Web-Sites die erste SERP fest im Griff. Brauchbare Links zu interessanten Blogs werden unter der Hand in Facebook weitergegeben.
Nichts geht mehr - alles Trash
Es gibt also für 82 Millionen Deutsche, das sind 40 Millionen Haushalte und gut 38 Millionen Steuerzahler keine Möglichkeit sich kritisch und unabhängig zu informieren. Die Zeiten sind dunkel und Barad-Dur reckt sich in Tötensen gen Himmel. Böse garstige Orkse, wohin man schaut.
Und das bleibt so? Ganz sicher? In einem 82-Millionenvolk finden sich keine 100.000 Leute, die kritisch und unabhängig informiert werden wollen?
Wenn dem so ist, gut, dann hat Deutschland nichts Besseres verdient. Dann bleiben die Zeiten dunkel und wir machen das Brot-und-Spiele-Programm. Wenn es keinen Bedarf gibt, dann brauchen wir keine Kulturflatrate. Wozu kritischen Journalismus subventionieren, wenn die Leute doch nur ihren Fisch darin einwickeln!
Vielleicht gibt es noch Hoffnung
Wenn aber Bedarf besteht: Nun dann haben wir dieses wunderbare Internet, diese Plattform, die es möglich macht, dass die Freunde des kritischen Journalismus eine kritische Masse bilden können. Egal, ob sie auf Hallig Hooge, Hamburg, Herne oder in Süddeutschland wohnen.
Was kostet ein Qualitätsmedien-Jahresabo?
| Publikation | Jahresabo |
|---|---|
| Die Welt | 443,04 € |
| FAZ | 514,80 € |
| FTD | 449,80 € |
| Süddeutsche Zeitung | 498,80 € |
Im Durchschnitt kostet ein Abo 476,61 €, also 40 € im Monat.
Wenn diese oben angesprochenen 100.000 jetzt pro Monat 40 € bezahlen, dann haben wir monatlich 4.000.000 € im Pott.
Die Redaktion von morgen
Die geben wir aus für:
- Redaktion
- Layout
- Hosting
- Overhead
Redaktion
Für 3,5 Millionen Euro kriegen wir 51 Redakteure und Reporter. Jahresgehalt 45.000 Euro, mit einem Faktor von 1,5 beaufschlagt für Arbeitgeberanteil, Presserversorgungswerk, etc. Die Reporter sind Trüffelschweine mit den Recherchequalitäten eines Ninja und die Redakteure zaubern aus Text, Foto, Video, Links und den Beiträgen der Community ganz exquisite Gesamtkunstwerke. Geschäftsführer und Bestimmer ist der Chefredakteur. Alle Reporter und Redakteure sind gleichzeitig auch Community-Manager, die sich um die Foren und Kommentare der Leser kümmern und mitdiskutieren und so immer dicht am Leser sind.
Layout
Das was in Print die Layouter waren, sind im Web die Frontend-Designer, die die Web-Site weiterentwickeln und AJAX-mäßig immer auf dem neusten Stand halten. Davon brauchen wir zwei.
Hosting
Das Hosting wird komplett ausgelagert. Der Hoster hat den Job das ganze zu managen und steht dafür gerade, dass die Site 27x7 erreichbar ist und eine Backup-Infrastruktur zur Verfügung steht. Dafür gehen monatlich maximal 50.000 € drauf. Aber auch nur, wenn man viele Videos hat.
Overhead
Miete, Versicherung, Strom, Gas, Wasser sowie einen Facility-Manager plus Assistenz.
Dafür gehen die restlichen 500.000 drauf.
Das wäre eine Truppe, die jedem Honoratior den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Was in der Rechnung fehlt ist eine Mörderrendite von 20% und der übliche byzantinische Medienprotz. Kritischer Journalismus geht auch ohne Alsterblick.
Ein Wort zur Reichweite: Diese 100.000 sind mehr wert, als all die Hansel, die jetzt die SZ im Flieger hinterher geworfen bekommen und sowieso nur den Sport durchblättern.
Und das Thema Raubkopie: Wenn ich monatlich 40 € für einen Zugang ausgebe, dann paß´ ich schon auf, dass mein Passwort keine Beine bekommt.
Bei besonders brisanten Dingen kann man immer noch die Dinge komplett im Internet veröffentlichen.
Noch ein Vorteil: Diese Publikation ist vollkommen unabhängig, d.h. die Journalisten können ohne Rücksicht auf Verluste recherchieren.
Außerdem wäre es die einzige kritische Quelle auf weiter Flur, d.h. die Kräfte wären gebündelt. In einer Welt mit weniger Sendern fällt jedem einzelnen Sender mehr Gewicht zu.
Was natürlich nicht ginge, wäre dieser Gesinnungsjournalismus, Spiegel ist links, FAZ ist konservativ. Die neue Publikation müsste einen naturwissenschaftlichen Ansatz fahren. Fakten recherchieren und dann herleiten wie es zu einer bestimmen Situation kam. Die Schlüsse müssen die Leser schon selbst ziehen. Etwas anderes würde bei dieser Elite-Leserschaft auch nicht funktionieren.
Für die Journalisten ist es keine ganz einfache Situation. Die Leserschaft würde sicher kritisch mitdiskutieren und auch Einfluss auf die zu recherchierenden Themen nehmen. Wer zahlt schafft an, das Ganze ist ja keine Mitleidsnummer, die Leser schließen das Abo ja ab, weil sie sich einmischen wollen.
Aktuell ist der ganze Medienmarkt ein Käufermarkt. Und zwar ein doppelter Käufermarkt. Für die werbetreibende Wirtschaft steht Ad-Inventar ohne Ende zur Verfügung und der Leser hüpft komplett illoyal zwischen den immer austauschbarer werdenden Angeboten hin und her.
Der Mensch schätzt nur, was rar und schwer zu erlangen ist. Prestige hat das Seltene. Ich befürchte, wir werden erst durch das Tal der Tränen gehen müssen und
erst wenn der letzte Qualitätsjournalist für die Bunte schreibt und die letzte Arte-Sendung ausgestrahlt wurde werden die Menschen feststellen, dass politische Willensbildung mittels Talkshow nicht funktioniert.
Erst dann werden die Menschen ehrlichen, fundierten und kompetenten Journalismus wieder zu schätzen wissen. Aber, es werden wenige sein, erschreckend wenige.
Das Gute ist: Anders als beim Auerochsen, der einmal ausgestorben, nie wieder auferstehen wird, kann guter Journalismus wie der Phoenix aus der Asche steigen, wenn die Bedingungen stimmen.
Und das werden sie, heute nicht, morgen nicht, aber irgendwann wird es soweit sein und dann wird der Journalismus auf einem soliden Fundament ruhen. Getragen von Menschen, die Ihr Geld genau dafür ausgeben wollen und die Arbeit der Journalisten deshalb auch schätzen.
Und was sagen Sie?